Sabrina Maniera | 6 min
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Open Source wird zum Standard

Die neuen EVB-IT-Vertragsvorlagen stärken Open Source in der öffentlichen Beschaffung. Was das für digitale Souveränität, Softwareentwicklung und Verwaltungen bedeutet.

Open Source ist in der öffentlichen Verwaltung kein Nischenthema mehr. Mit den überarbeiteten EVB-IT-Vertragsvorlagen wird ein wichtiger Schritt vollzogen: Die Beschaffung von Open-Source-Software wird rechtlich klarer, einfacher und gleichwertiger gegenüber proprietären Lösungen. Bei neu zu entwickelnder Software wird Open Source sogar zum Standard.

Das ist mehr als eine formale Anpassung in Vertragsmustern. Es ist ein starkes Signal für digitale Souveränität, nachhaltige IT-Beschaffung und eine moderne Verwaltung, die Software nicht nur einkauft, sondern langfristig kontrollierbar, nachvollziehbar und wiederverwendbar gestalten möchte.

Anlass dafür sind die neuen Vertragsvorlagen, über die unter anderem Golem berichtet hat. Auch die Open Source Business Alliance ordnet die Änderungen als wichtigen Schritt für die Beschaffung von Open-Source-Software durch die Verwaltung ein.

Was sind die EVB-IT überhaupt?

Die EVB-IT sind ergänzende Vertragsbedingungen für die Beschaffung von IT-Leistungen. Sie werden von öffentlichen Auftraggebern genutzt, um Software, Hardware, Dienstleistungen, Pflege, Betrieb oder Systemleistungen einheitlich und rechtssicher zu beschaffen. In der Praxis sind diese Vorlagen ein zentrales Werkzeug für Vergabestellen. Sie schaffen Struktur, reduzieren juristische Unsicherheiten und sorgen dafür, dass Anbieter unter vergleichbaren Bedingungen Angebote abgeben können. Bisher waren diese Vertragsvorlagen jedoch stark auf proprietäre Software ausgerichtet. Open Source musste häufig nachträglich „hineingedacht“ werden. Für Behörden bedeutete das: zusätzliche Abstimmungen, rechtliche Unsicherheit und oft ein höherer Aufwand. Für Open-Source-Anbieter bedeutete es: mehr Hürden bei öffentlichen Ausschreibungen. Mit den neuen EVB-IT ändert sich genau das.

Übersicht aller EVB-IT Vertragstypen inklusive Rahmenvereinbarung

Open Source wird beschaffbar – ohne Sonderweg

Die überarbeiteten Vertragsvorlagen integrieren Open Source offiziell in die Beschaffungspraxis der öffentlichen Verwaltung. Damit wird Open-Source-Software nicht mehr als Sonderfall behandelt, sondern als reguläre, vorgesehene Beschaffungsoption. Das ist besonders wichtig, weil Beschaffung nicht nur eine technische Entscheidung ist. Sie ist immer auch ein rechtlicher und organisatorischer Prozess. Wenn Vertragsmuster Open Source nicht eindeutig abbilden, entsteht Unsicherheit – selbst dann, wenn die fachlichen und technischen Vorteile offensichtlich sind. Die neuen Vorlagen schaffen hier mehr Klarheit. Öffentliche Stellen können Open-Source-Software und zugehörige Dienstleistungen gezielter beschaffen. Gleichzeitig können Open-Source-Regelungen direkt in den Vertragsmustern aktiviert werden. Das reduziert den Aufwand und stärkt die Gleichbehandlung unterschiedlicher Anbieter. Auch der IT-Planungsrat hat die erweiterten EVB-IT-Musterverträge zur Beschaffung von Open-Source-Software zur Nutzung empfohlen. Damit erhält das Thema nicht nur fachliche, sondern auch institutionelle Rückendeckung.

Bei neuer Software wird Open Source zum Standard

Besonders relevant ist die Änderung bei neu zu entwickelnder Software. In den überarbeiteten EVB-IT Erstellung wird die Entwicklung und Bereitstellung als Open Source zum Standard. Das bedeutet: Wenn öffentliche Gelder in die Entwicklung neuer Software fließen, soll das Ergebnis grundsätzlich offen bereitgestellt werden können. Damit wird ein Prinzip gestärkt, das für den öffentlichen Sektor besonders naheliegt: Was mit öffentlichen Mitteln entsteht, sollte möglichst auch öffentlich nutzbar, prüfbar und weiterentwickelbar sein.

Für Verwaltungen eröffnet das große Chancen:

  • Software kann von anderen Behörden nachgenutzt werden.
  • Entwicklungen müssen nicht mehrfach bezahlt werden.
  • Abhängigkeiten von einzelnen Herstellern werden reduziert.
  • Sicherheits- und Qualitätsprüfungen werden transparenter.
  • Weiterentwicklung kann gemeinsam organisiert werden.

Open Source wird damit zu einem strategischen Werkzeug für moderne Verwaltungsdigitalisierung.

openCode und SBOM: Transparenz wird konkreter

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die vorgesehene Bereitstellung auf openCode. openCode ist die zentrale Plattform für Open-Source-Software der öffentlichen Verwaltung in Deutschland. Dort können Projekte veröffentlicht, dokumentiert, gemeinsam weiterentwickelt und für andere Verwaltungen auffindbar gemacht werden. Damit wird Open Source praktisch nutzbar: Nicht nur der Quellcode ist offen, sondern auch die Auffindbarkeit, Wiederverwendung und Zusammenarbeit werden verbessert. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt auch unser Beitrag zum Open City Manager auf openCode. Zusätzlich spielt die Software Bill of Materials, kurz SBOM, eine wichtige Rolle. Eine SBOM beschreibt, welche Softwarebestandteile, Bibliotheken und Abhängigkeiten in einer Anwendung enthalten sind. Das ist besonders relevant für IT-Sicherheit, Wartung und Compliance. Gerade im öffentlichen Sektor ist diese Transparenz entscheidend. Wer Software betreibt, muss wissen, welche Komponenten enthalten sind, welche Risiken bestehen und welche Abhängigkeiten langfristig gepflegt werden müssen.

Warum das für Verwaltungen so wichtig ist

Viele Verwaltungen stehen vor ähnlichen Herausforderungen: Fachverfahren müssen modernisiert, digitale Prozesse ausgebaut und bestehende Abhängigkeiten reduziert werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an IT-Sicherheit, Datenschutz, Nachvollziehbarkeit und Wirtschaftlichkeit. Open Source kann hier eine tragende Rolle spielen, weil es nicht nur um den Zugriff auf Quellcode geht. Es geht um Kontrolle, Transparenz und Handlungsfähigkeit. Eine Verwaltung, die Open-Source-Software einsetzt oder entwickeln lässt, kann besser nachvollziehen, wie eine Lösung funktioniert. Sie kann Anpassungen beauftragen, Sicherheitsprüfungen durchführen lassen und gemeinsam mit anderen öffentlichen Stellen an Verbesserungen arbeiten. Das stärkt digitale Souveränität – nicht abstrakt, sondern ganz konkret im Betrieb, in der Beschaffung und in der Weiterentwicklung von Software.

Was bedeutet das für IT-Dienstleister?

Auch für IT-Dienstleister verändert sich die Ausgangslage. Die neuen EVB-IT schaffen bessere Bedingungen für Anbieter, die Open Source professionell entwickeln, betreiben und unterstützen. Der Fokus verschiebt sich weg vom reinen Lizenzverkauf und hin zu Leistungen, die für Verwaltungen tatsächlich entscheidend sind:

  • Beratung und Konzeption
  • Entwicklung und Anpassung
  • sichere Bereitstellung
  • Betrieb und Wartung
  • Dokumentation
  • Support
  • Compliance und IT-Sicherheit
  • langfristige Weiterentwicklung

Das passt zu einem modernen Verständnis von Software: Nicht der geschlossene Code ist der Wert, sondern die Qualität der Umsetzung, der Betrieb, die Sicherheit, die Integrationsfähigkeit und die fachliche Weiterentwicklung.

Open Source braucht professionelle Umsetzung

So wichtig die neuen Vertragsvorlagen sind: Open Source wird nicht automatisch erfolgreich, nur weil es vertraglich einfacher wird. Gute Open-Source-Projekte brauchen klare Verantwortlichkeiten, saubere Dokumentation, transparente Entwicklungsprozesse und einen verlässlichen Betrieb.

Gerade für Verwaltungen ist entscheidend, dass Open Source professionell eingeführt wird. Dazu gehören unter anderem:

  • eine realistische Bewertung der fachlichen Anforderungen
  • klare Architekturentscheidungen
  • sichere Entwicklungs- und Betriebsprozesse
  • nachvollziehbare Release- und Update-Strategien
  • Lizenz- und Abhängigkeitsmanagement
  • automatisierte Sicherheitsprüfungen
  • verlässlicher Support

Open Source ist kein Verzicht auf Professionalität. Im Gegenteil: Offene Software macht Qualität sichtbarer. Fehler, Abhängigkeiten und Architekturentscheidungen können geprüft werden. Das schafft Vertrauen – setzt aber auch voraus, dass Projekte sauber umgesetzt und gepflegt werden.

Ein wichtiger Schritt für digitale Souveränität

Die neuen EVB-IT sind ein wichtiger Baustein für eine souveräne öffentliche IT. Sie beseitigen Hürden, die Open Source in der Beschaffung bisher unnötig erschwert haben. Gleichzeitig setzen sie ein klares Signal: Öffentliche Softwareentwicklung soll nachvollziehbar, wiederverwendbar und unabhängig gestaltet werden. Für Kommunen, Länder und Bundesbehörden entsteht damit mehr Spielraum. Sie können Open Source gezielter beschaffen, eigene Entwicklungen offener gestalten und stärker von gemeinsamer Nachnutzung profitieren. Für die öffentliche Verwaltung ist das eine große Chance. Denn Digitalisierung wird langfristig nur dann erfolgreich sein, wenn sie nicht neue Abhängigkeiten schafft, sondern Handlungsfähigkeit stärkt. Open Source ist dafür kein Selbstzweck. Aber es ist ein sehr wirksames Prinzip: offen, überprüfbar, anpassbar und gemeinsam weiterentwickelbar.

Unser Fazit

Die überarbeiteten EVB-IT machen Open Source in der öffentlichen Beschaffung einfacher, klarer und strategisch relevanter. Besonders bei neuen Softwareprojekten wird deutlich: Offene Entwicklung soll künftig nicht die Ausnahme sein, sondern der Standard. Das ist ein wichtiger Schritt für digitale Souveränität im öffentlichen Sektor – und ein starkes Signal für Verwaltungen, die ihre IT nachhaltig, sicher und unabhängig gestalten möchten. Als Open-Source-orientierter IT-Dienstleister begrüßen wir diese Entwicklung ausdrücklich und begleiten bei der Konzeption und Beratung sowie Entwicklung souveräner Softwarelösungen und beim sicheren Betrieb auf moderner IT-Infrastruktur.